Die Semeuse: das Abenteuer einer ikonischen Briefmarke in der Ansichtskartenkunde

Zu Beginn des Jahrhunderts sprühten die Großmächte der Zeit nur so vor Initiativen, um ihre Ausstrahlung in allen Bereichen des Lebens der Nationen und ihrer Bevölkerungen zu festigen. Durch seine universelle Dimension war das postalische Objekt daher ein wesentliches Feld, um Modernität und Identität zu behaupten. In Frankreich entstand folglich eine ganze Reihe postalischer Vignetten, die Frankreich, seine überseeischen Gebiete und seine Kolonien prägen sollten — aber auch alle Korrespondenten, die diese Briefmarken erhielten, welche Briefe, Belege und Ansichtskarten im ersten Viertel des Jahrhunderts kennzeichneten.
Im Jahr 1900 erschien in Frankreich der Type Blanc: fünf Briefmarken, die den Großteil der Ansichtskarten jener Zeit frankierten; dann, 1903, kam die Semeuse, ebenso wie der Type Merson, der auch zur Frankatur schwererer Sendungen diente.

Die ersten Briefmarkenausgaben des neuen Jahrhunderts (Type Blanc, Semeuse und Merson), vereint auf einer illustrierten Ansichtskarte.
Die Ursprünge der Semeuse: eine republikanische Allegorie
Die Semeuse entstand 1897 dank des damaligen Finanzministers Georges Cochery, der die französischen Münzen modernisieren wollte. Es ging damals darum, die königlichen oder kaiserlichen Bildnisse durch eine allegorische Darstellung der Republik zu ersetzen. Der Graveur Oscar Roty (1846-1911) gewann den Wettbewerb mit seinem Entwurf: eine Frau in antikem Gewand, die durch ein Feld schreitet und mit der Hand Samen ausstreut. Ihr Profil, inspiriert von den Zügen seiner Frau, verkörpert Fruchtbarkeit, Fortschritt und Frieden.
Die erste Münze, die die Semeuse trug, war das 50-Centimes-Stück von 1897, gefolgt von den 1- und 2-Franc-Silbermünzen. Ihr Erfolg war unmittelbar: zugleich poetisch und politisch, eroberte das Motiv die Franzosen. Die Semeuse wurde rasch zu einem universellen Symbol, weit über die Numismatik hinaus. Das Abenteuer sollte lange währen — für die Numismatiker wie für unsere Geldbörsen —, denn diese Gestaltung blieb mit nur geringfügigen Änderungen bis zum Ende des Franc bestehen.


Die erste Semeuse-Münze: das 50-Centimes-Stück von 1897.
Die Semeuse in der Philatelie: ein Abenteuer über ein Vierteljahrhundert
Mit dem Type Blanc und kühnen Symbolen einer neuen Modernität eroberte die Semeuse alsbald die Welt der Briefmarken. So erschien 1903 das erste Markenbildnis der Semeuse, gezeichnet von Eugène Mouchon und gestochen von Jules Piel.
Der Auftritt der Semeuse vollzog sich in mehreren Etappen:
Die Werte der Semeuse „lignée“ (Liniendruck) von 1903, gestaffelt von 10c bis 30c. In meinen Augen gibt ihr Entwurf die ganze Feinheit des Stichs vollendet wieder: Diese Marken sind elegant, in den höheren Werten ziemlich selten (25c und 30c postfrisch) und in anderen sehr verbreitet (der 10c besonders für die Ansichtskarte, oder der 15c für den Brief).

Die Semeuse „camée“ (Kameo-Typ), mit Werten zwischen 5c und 35c, entsprechend den verschiedenen Portostufen.

Die Semeuse in der Ansichtskartenkunde: ein vielseitiges Forschungsfeld
Das erste Interessengebiet der Semeuse in der Ansichtskartenkunde betrifft die Frankatur. Tatsächlich sind die frühesten Ansichtskarten oft mit der grünen 5c-Semeuse beklebt, die dem ersten Versandtarif in Frankreich entspricht.
Die Semeuse entspricht auch der Frankatur der ersten Ganzsachen, die ebenfalls als „Ansichtskarte“ bezeichnet wurden, wie dieser etwas unsaubere, mit dem 10c-Wert frankierte Beleg zeigt.

Semeuse-Ganzsache 10c, adressiert an Victor Gonfrey in Meschede, Deutschland.
Auf der folgenden Karte verfügte der Absender über Portofreiheit und frankierte seine Karte mit einem 10c, überdruckt mit „FM“ (für Franchise Militaire — Militärpostfreiheit). In diesem Fall war er vom Porto befreit, obwohl an dieser Stelle eine Marke vorgesehen war!

Ansichtskarte: Ansicht des Königlichen Hauses von Anet, frankiert mit einer Semeuse FM 10c.
Doch unsere kleine Marke lässt auch — und das ist es, was uns interessiert — einer sehr großen Vielfalt an Kreativität freien Lauf, namentlich durch illustrierte Entwürfe aus ausgeschnittenen Briefmarken, die ihre Motive schmücken. Auf dieser Karte liefern sich zwei auf nicht eben politisch korrekte Weise dargestellte Figuren eine Straußeneier-Schlacht. Damals war man auch sehr vom Exotischen angezogen.

Ansichtskarte – „Straußeneier-Schlacht“. Eine Komposition aus Semeuse-Marken.
Konventioneller zeigen diese Reliefkarten unsere Semeuse großformatig, was sich vortrefflich eignet, um die Feinheit von Rotys Entwurf zur Geltung zu bringen. Es gibt eine recht große Vielfalt an Karten mit dieser Darstellung.

Die Semeuse – Ansichtskarte.
Aber der Brief — und die Marke — auf der Ansichtskarte können auch eine verborgene Bedeutung tragen, je nach Ausrichtung, in der unsere Semeuse auf jeden Beleg geklebt ist… Botschaften der Freundschaft oder der Liebe… da die Korrespondenz so oft ein Zeichen der Zuneigung trägt, versteht man es leicht: 360 Grad, um eine Briefmarke auszurichten, werden kaum genügen…

Ansichtskarte: „Das neue Geheimnis der Marke“, eine Semeuse 10c lignée.
Wie sammeln?
Die Semeuse in der Ansichtskartenkunde umfasst somit ein sehr breites Spektrum an Möglichkeiten, das dem Sammler die Freiheit lässt, seine Recherchen zu personalisieren und seine Wahl nach dem eigenen Geschmack auszurichten.
So kann man die Marke auf der Karte nach ihrer postalischen Verwendung bevorzugen, oder nach den Stempeln, die unser Bildnis tragen — präsent auf der Post in Frankreich wie in den Kolonien, und mitunter auch örtlich überdruckt.
Die Semeuse erlaubt es zudem, übergreifende Themen zu erkunden:
- Die französische Landwirtschaft: Marken und Karten, die die Semeuse inmitten der Felder zeigen.
- Republikanische Symbole: ein Vergleich zwischen der Semeuse, Marianne und anderen Allegorien.
- Die Geschichte Frankreichs: der Einsatz der Semeuse während der Kriege, der Befreiung oder nationaler Feiern.
Man kann sich auch für hybride Sammlungen entscheiden, mit gemischten Alben, die Briefmarken (Dauer- oder Gedenkmarken), Ansichtskarten (alte oder moderne), Ersttagsbriefe (FDC) mit Semeuse-Stempel und Verwaltungsdokumente (wie Postschecks oder Sparkassengutscheine), geschmückt mit der Semeuse, vereinen.
